In unserem Flur hing jahrelang ein einziges Foto: meine Mutter, über die Schulter blickend, genau in dem Moment, in dem mehrere Blitzlichter gleichzeitig ausgelöst haben. Ich war vielleicht sechs, als ich anfing, diese Drehung vor dem Flurspiegel nachzustellen – Kinn senken, über die Schulter schauen, so lange üben, bis der Blick genauso ruhig saß wie auf dem Foto. Meine Mutter hat mich dabei nie korrigiert. Sie hat einfach gewartet, bis ich es selbst hinbekomme.
Heute, bei meinen eigenen Shootings, merke ich manchmal erst im Nachhinein, dass ich exakt in diese eine Pose gerutscht bin, ohne bewusst daran zu denken. Es ist keine Verpflichtung, in ihre Fußstapfen zu treten – es ist einfach die Bewegung, die für mich am natürlichsten sitzt, weil ich sie länger geübt habe als jede andere Geste meines Lebens.
Vor der Kamera versuche ich trotzdem nicht, ihr Foto zu kopieren, sondern meine eigene Version davon zu finden. Der Blick über die Schulter bleibt derselbe, aber was dahinter steht, ist meine eigene Geschichte, nicht nur die Fortsetzung ihrer.